
Killefit des Tages
Juni 10, 2008Gestern bin ich Bus gefahren und sah folgendes Szenario. Inmitten einer Horde frisches Testosteron versprühender Türkenjungs im Neo-Miami-Vice-Outfit saßen zwei junge Damen Mitte 20, die Charlotte Roches in den letzten Wochen eifrigst besprochenen Roman „Feuchtgebiete“ lasen. Herrlicher Anblick. Dazu passte gut, dass ich zuvor einen Kommentar von Juli Zeh in der SZ über eben jenen Roman und die daran neu entzündete Debatte über Alten Feminismus/Neue Mädchen gelesen hatte. Frau Zeh urteilt sehr weise, dass bei dem „Geschlechter-Remmidemmi“ ganz vergessen wird, wo tatsächlich noch vieles schief läuft. Man solle die vermeintlichen „Frauenfragen als Gesellschaftsfragen“ behandeln und da gehe ich mit der Frau Zeh absolut d’accord. Was mich an der ganzen Debatte um Roches Buch und einen vermeintlichen Neuen Feminismus nervt ist, dass Frauenfragen wieder einmal über Körperliches definiert werden und dabei schön die alte Differenzierungsstrategie „Frau im Gegensatz zum Mann“ gefahren wird.
Ich habe Roches Roman noch nicht gelesen, entnehme aber den zahllosen Besprechungen, dass es dort letztlich vielmehr um Sexualität und Hygiene als um die Rolle der Frau in der Gesellschaft geht. Es wäre großartig, wenn man mit einem Rasier- und Intimwaschboykott gleiche Löhne für Frauen und Männer durchsetzen könnte. Doch leider taugt meines Erachtens eine Intimzonenphilosophie noch nicht einmal als Symbol für gesellschaftliche Fragen oder gar Lösungsansätze. Es ist einfach mal total egal, wer sich wann wo wie wäscht und enthaart. Mich würde mal interessieren, wie die Reaktionen wären, wenn Markus Kavka einen Romanhelden über Sackhaare und Eichelausschlag philosophieren ließe. Würden die Feuilletons dann auch vom Neuen Mann reden? Oder wäre Ihnen das dann, berechtigterweise, zu albern? Auch wenn ich selbst gerne mal gegenüber beziehungsgeplagten Freundinnen ein „Typisch Mann!“ von mir lasse, so finde ich diese fein säuberliche Sortierung in die Klischeepötte „Mann“ und „Frau“ ebenso killefit, wie die Tatsache, dass Frauen immer noch schlechtere Karrierechancen als Männer haben, im Vergleich weniger Geld verdienen und öfter an den Gören kleben bleiben. Sicherlich hängt vieles mit altväterlichen Personalchefs, teilweise noch ungünstiger Politik und ein kleines bisschen auch mit Mario Barth, Frauenzeitschriften und Eva Hermann zusammen. Entscheidend ist aber, meine Damen, was wir daraus machen. Ob nun als Emanzen, Karrierefrau, Meeeedchen, Girlie, Rrriot Girl oder was auch immer. Gerade wir, die uns gerne als ewige Meeedchen feiern, dürfen dabei nicht vergessen, dass das zwar zuweilen ganz putzig ist und eine Menge Spaß macht, uns aber nicht immer im Leben weiter bringt. Ein schlaues Interview in der Neon erzählt mehr darüber (der dazugehörige, großartige Artikel ist leider nicht online zu lesen.)
Unsere Aufgabe ist der Spagat zwischen selbstbewusster Lässigkeit und kritischer Aufmerksamkeit. Auch uns selbst gegenüber. Neulich erzählte mir eine Bekannte, dass sie an einem Karriere-Coaching-Programm - oder so was ähnlichem – für Frauen teilgenommen habe. Der Coach hat die Teilnehmerinnen in gestellten Jobsituationen gefilmt und sein Augenmerk auf ihre Körpersprache gelegt. Dabei kam heraus, dass fast alle Frauen im Kurs in beruflichen Situationen unterwürfig agieren. Meine Bekannte ist selbst eher der Typ Kodderschnauze als ein zartes Weibchen mit Piepsstimme. Aber auch Sie hat, wie sich im Kurs zu ihrem Entsetzen herausstellte, das Augenklimpern und den angedeuteten Knicks perfekt und unbewusst am Start. Ich habe dann bei mir auch mal drauf geachtet. Schlimm.
Aber ich will mal nicht schwarz sehen, auch nicht rosa, sondern lieber bunt. Was Mann oder Frau mit ihrem Leben so machen, können sie sich heutzutage viel freier auswählen als früher. Mädels und Jungs, meine Damen und Herren, das ist doch was! Gesellschaftliche Geschlechterzwänge sind weniger zwingend geworden – aber das ist für viele ein Problem. Im großen Angebot der Möglichkeiten verlieren man und frau schnell mal den Überblick und da es an echten Erneuerungsdiskursen mangelt, wird eben zu den alt bewährten Labels gegriffen. Vielleicht sollte man den Begriff „Feminismus“ endlich als gesellschaftliches Phänomen des 20. Jahrhunderts ins Archiv legen und sich was Neues ausdenken. Ein Label, das Frauen und Männer ziert, statt sie gegeneinander auszuspielen. Unter das man meinetwegen auch Intimhaarphilosophien packen kann. Denn, wie schon Loriot es formulierte: „Männer sind… – und Frauen auch.“
Also, was dieses Buch mit den problemen von Frauen zu tun hat, bleibt mir unerklärlich. Die liebe Charlotte beschreibt halt gerne ihre Öffnungen samt den mir unappetitlichen Anhängen. Da ich eher das Gegenteil von prüde bin, ist mir der Wortschatz der Charlotte gleichgültig. Das Problem ist, dass ich mir einen Pickel oder eine eitrige Schamlippe im Geiste vorstelle, wenn ich darüber lese. Das geht gar nicht anders. Aber der Gedanke daran ist nicht angenehm, mir graust nähmlich vor eitrigen Schamlippen und eitrigen Pickeln. Und jemand schreibt darüber, dass er eitrige Körperteile hat, dass er auch gerne einmal nicht duften würde usw. Na und? Eitrige Körperteile hat jeder einmal (heute mein Fingernagel, nach Holzarbeiten) und oft schwitze ich. Befreit mich dieses Geständnis von irgendwas? Um diesen Artikel zum Bestseller zu machen verwende ich hiemit das Wort:EIER. Kauft mich, kauft mich. Marketingmässig habe ich vom Genie der Charlotte also schon gelernt. Und um nichts anders geht es hier. Irgendwie ist das Buch schon ein Geniestreich in Hinblick darauf, zu wissen, was die Leute lesen wollen. Mehr aber auch nicht.
Na, wenn überhaupt. Will das denn jemand wirklich lesen? Was gibt einem das? Nicht, das Literatur immer gefällig und adrett sein soll. Aber wenn schon eitrig, dann doch bitte mit einem Sinn oder einer Mission dahinter. Hat Carlotte Roche die? Irgendswie nicht. Daher ganz Deiner Meinung, eine Pseudodebatte. Okay, mit ganz viel gutem Willen könnte man kontern, dass das Buch zumindest Anlass dafür gibt, mal wieder drauf hinzuweisen, dass in punkto Gleichbereichtigung noch einiges zu tun ist – wobei dabei nicht immer erwähnt wird, dass Bücher über dermatologische Katastrophen im Intimbereich nicht zu diese Taten zählen. … Hm, vielleicht sollte ich das Buch jetzt doch mal lesen, bevor ich weiter darüber herfalle. Soll ja recht flott zu konsumieren sein, wie mir mehrere Leute bericheten. Also keine richtige Zeitverschwendung. Obwohl, ich stelle mir beim Lesen, wie Du thewritingfranz, auch immer alles sehr bildhaft vor… Will ich das wirklich? Hatte in meiner Pubertät eigentich schon genug Live-Kontakte mit Eiterpickeln :-0 ….
1. Ich habe das Buch nicht gelesen und werde es auch nicht tun, Eiterpickel, igitt, interessieren mich nicht. Kann ich dann halt nicht mitreden. Auch egal.
Aber der beste Kommentar zu dem weiten Feld “Emanzipation der Frau” im Zusammenhang mit Alice Schwarzer, die die alte neue Chefredakteurin der “Emma” verabschiedet hat, ist folgender (sinngemäß): Was wir Frauen eigentlich zu klagen hätten, wir seien doch schon lange gleichberechtigt! Und manchmal seien wir doch “übergleichberechtigt”, das Wort stammt jetzt von mir, denn es gebe doch Dinge, die hätten die Männer nicht, z.B. Frauenparkplätze!!!!!! Das hat natürlich, ich muss es sagen, ein Mann geschreiben.
No comment!
Doch, einer: Und wer parkt immer auf diesen Parkplätzen? Männer, die sich im Dunkeln fürchten und Angst haben, dass sie eine Frau überfällt.
Sehr schön! Siehe auch Kurzbeitrag von heute, 11.6.