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EMpathie

Juni 18, 2008

Der Fußball schafft, was das Theater früher mal wollte und heute manchmal auch noch: Das reinigende Mitleiden. Katharsis beim Kreuzbandriss.

Jungejunge, ist das anstrengend. Nicht nur das Bangen bei den Zittersiegen der deutschen Elf, sondern überhaupt. Diese Tragödien, diese Dramen, diese persönlichen Schicksale. Alexander Frei: EM-Aus nach wenigen Minuten. Mutu: Omma tot, ausgeschieden und drohende Kokainsucht-Reperationszahlungen.  Sogar Mario Gomez tut mir irgendwie leid. Und natürlich, die Könige des Schmerzes, les rois de la douleur: Franck Rhibéry und Thierry Henry. Franck Rhibéry, was für eine Tragik: Knochenbruch nachdem er selbst ein Foul begangen hatte. Der Fußballgott straft auf den Fuß und trifft dabei die Sympathischen. (Denn jenseits von Bayern und Bundesliga ist Rhibéry durchaus sympathisch). Wobei ich mich frage, ob die Franzosen mit einem anwesenden Franck wirklich gewonnen hätten. Vielleicht wollte der Fußballgott seinen Propheten nur vor schlimmerer Pein bewahren. Lieber verletzt sein als versagt haben. Lieber ein dramatischer Schicksalsschlag als eine profane Niederlage. So fahren die Blauen wieder nach Hause. Auch wenn ich aufrgund meines gespaltenen Verhältnisses zur Grande Nation nie ein großer Fan der Equipe National war, leid tun sie mir schon. Besonders der Thierry Henry. Er hat getan, was er konnte. Aber so richtig viel kann er zur Zeit wohl nicht und seine Mannschaftskamerade können noch weniger. Aber das mit großer Geste und großem Gefühl, zumindest beim Thierry. Wie er dem schmerverzerrten Franck brüderlich über den Kopf strich, wie er darauffolgend bei jeder verpatzten Aktion verzweifelt die Hände gen Himmel riss oder resigniert den Kopf schüttelte – so manches Hollywoodsches Kriegs-Epos könnte davon lernen. Hätte er ein Tor geschossen, , vielleicht sogar einen Siegtreffer, dann hätte er es weihevoll dem Franck gewidmet. Wie dereinst bei der WM ‘90 Jürgen Klinsman dem aufgrund des Lama-Dramas rot gesperrten Rudi Völler ein Tor widmete.  Vor Rührung hätte der Fußballgott dann eine heilende Träne auf des Franckes Bein fallen lassen und in einer Aureole des Glüüüücks hätten Franck und Thierry die Franzosen zum Europameister gemacht. Da beim Fußball der Dramatik aber immer die Banalität folgt, gibt es keinen Staatsakt, der das Scheitern des EM-Feldzugs und seine Opfer mit Tamtam beklagt und ehrt. Stattdessen werden die Schlüppis eingepackt,  es wird in einen  Bus gestiegen, ab nach Hause. Statt Performance herrscht dann wieder das Drama auf schnödem Papier: Schuldzuweisungen, Trainerdiskussion, Transfermutmaßungen.

Hoffen wir mal, dass Jogi Löw und seine Jungs noch ein bisschen für performative Dramatik sorgen dürfen. Und wenn der Fußballott für uns schon kein Sommermärchen parat hat, dann doch bitte eine schwungvolle Komödie oder einen spannenden Thriller – aber bitte mit Happy End.

2 Kommentare

  1. Ein Thriller wird es werden gegen Portugal. Aber ein Theaterstück geht niemals 3:2 aus oder ähnlich


  2. Eine Romanze ist es geworden. Mit Happy-End. Und ja, es stimmt. Ein Theaterstück geht nie 3:2 aus. Und ein Theaterstück findet auch keine Fortsetzung. Meistens jedenfalls nicht. Da passt dann die Soap-Analogie wesentlich besser. (Siehe Artikel „EMotionen“ vom 10. Juni)



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