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Oktober 13, 2008Da hat der alte Knarzer etwas losgetreten. Mit einer seiner typischen – und gestern wie heute quotenbringenden – Empörungswellen hat Herr Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis abgelehnt. Kann man ihm nicht verübeln. Kann man ihm für danken. Endlich mal wieder ein großer Fernsehmoment. Ein dramaturgisches Kabinettsstückchen, das nun eine Doku-Soap der Anteil- und der Stellungnahmen nach sich zieht. Besonders laut polterte die von mir sehr geschätzte Frau Heidenreich auf ww.faz.net. Natürlich zu recht, jaja. Schön, dass sie nach 30 Jahren im Fernsehgeschäft noch Ideale hat. Und ebenso schön, dass sie mit 65 Jahren noch eine lupenrein pubertäre „Dann schmeißt mich halt raus!“-Rebellion aufs staubige Parkett legen kann. Und das meine ich ganz ohne Ironie. Ich mag Elke Heidenreich.
Das Abendland geht unter und das Fernsehen sägt im untersten Stockwerk an seinem Fundament. Oder reißt etwa das sinkende Abendland das Fernsehen mit in sein dunkles Grab? Da ist sie wieder, die Theodizeefrage der Unterhaltungsindustrie: Diktiert das Programm den Zuschauergeschmack? Oder ist es umgekehrt? Adorno hätte Antwort A gewählt, aber zu seiner Zeit war ja auch Jazz noch Kulturindustrie, sprich: Populäre Volksverdummung. Mittlerweile läuft Jazz wochentags nach 23 Uhr bei 3Sat und ist somit aufgenommen in den Olymp der sogenannten Hochkultur.
Das Volk der Dichter und Denker braucht seine Schwarz-Weiß-Kategorisierungen und wo wir jetzt schon keine Mauer mehr haben, da wollen wir doch wenigstens am U-vs.-E-Paradigma festhalten. Dabei sind doch gerade Frau Heidenreich und Herr Reich-Ranicki selbst wunderbare Beispiele dafür, dass es zwischen U und E auch zum Ü kommen kann. Gerade diese beiden haben doch gezeigt, wie man sogenannte Hochkultur in Fernsehen übersetzt ohne eines von beiden zu verraten. Doch Frau Heidenreich ist auch nicht mehr die Jüngste und Herr Reich-Ranicki schon man gar nicht. Wer kommt nach Ihnen? Charlotte Roche? Transzendiert eher Popkultur als Hochkultur zu profanisieren. Tita von Hardenberg? Macht(e) Berlin-Mitte-TV für den trendigen Intellektuellen und hat dafür jetzt auch schon die Quittung erhalten. Abgesetzt. Zu recht, weil zu nischig? Überhaupt, die Nischen: Wenn Reich-Ranicki das Fernsehprogramm bestimmen würde, was würden wir dann gucken? Statt „Super Nanny“ und „Superstar“ nur noch „Kulturzeit“ und „Presseclub“? Was würde das mit den Zuschauern machen? Gäbe es tatsächlich eine Bildungsrevolution? Oder die Revolution des Prekariats? Straßenkämpfe statt Quotendiktat? Sturm auf den Lerchenberg oder Deutschland als Pisa-Aufsteiger?
Wir dürfen gespannt sein und wären gern dabei, wenn sich die Altvorderen der deutschen Fernsehsender demnächst mit Herrn Reich-Ranicki zu Reformgesprächen treffen. Was würde ich persönlich mir von Ihnen wünschen? Dass sie endlich mal begreifen, dass gute Unterhaltung das Beste aus der sogenannten Hochkultur und dem Populären vereint. Dass man, wie z.B. mit „Berlin, Berlin“, auch Geistreiches fabrizieren kann, welches auch Menschen ohne großem Latinum Spaß macht. Dass sie mal rüber gucken sollen zu ihren Kollegen in den USA – und dann mal das Richtige abschreiben. Sich ein Beispiel nehmen an dem, was dort in Sachen Fiction in den letzten Jahre produziert wurde. Das zum Niederknien phänomenale „Lost“ zum Beispiel. Macht als Mystery-Thriller tierischen Spaß und wer mag, der kann auch noch kulturphilosophische Exegese betreiben. Und da soll noch mal einer gegen die Privatsender wettern. Ohne Pro7, und z.T. auch RTL, Sat1, Vox und RTL 2, würde der verwahrloste deutsche TV-Zuschauer gar nicht erst in den Genuss solch exquisiter Unterhaltung wie „Dr. House“, „Greys Anatomy“, Six Feet Under“, „Heroes“ und eben „Lost“ kommen. Von daher: Diese ganze Unterscheidung zwischen Hochkultur und Populärem, Öffentlich-Rechtlich und Privat ist doch killefit und hat schon bei Adorno nicht funktioniert.
Liebe Frau Heidenreich, das deutsche Fernsehen wird nie einen Henry Nannen-Preis wert sein. Putzen sie sich das von der Backe. Aber bitte, nicht weglaufen! Wir brauchen sie doch noch! Schließlich soll auch Ihnen einmal der Deutsche Fernsehpreis für Ihr Lebenswerk verliehen werden. Und wehe, es gibt dann keine Palastrevolution. Das müssen Sie mir versprechen.
P.S.: Als lobenswert sei noch der Fernsehpreis für Siggi Heinrich und Dirk Thiele von Eurosport zu erwähnen. Absolut verdient.