
Wir Konjunktivkinder
September 11, 2009In den Ferien – mittlerweile auch schon eine Weile her – las ich das SPIEGEL-Sonderheft “Wir Krisenkinder”. Man will ja wissen, wer man so ist.
Das Generationsportrait, das der SPIEGEL präsentiert, ist ein Selbstportrait. Er tut so, als sei das etwas Neues. Letztlich sind Generationsportraits immer schon Selbstportraits gewesen. Eine Transzendierung der eigenen Erfahrung in einen Merkmalskatalog mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit und dabei so elitär wie unvollständig. So lässt das Potpourri an Generationsmerkmalen der vermeintlichen “Krisenkinder” – Burn Out, Onlineexistenz, Fernbeziehung, aber die Hochzeit muss fett sein – außer Acht, dass ein großer Teil der heute 20 – 35jährigen nicht zu den hier beschriebenen hippen „jungen Eltern“ gehört, sondern stattdessen seine Kinder nach oder gar von der Super-Nanny erziehen lässt. Oder, dass diese Altersgruppe ebenso wie die Lonely-Planet-Kultur auch den Ballermann-Kult auf dem Kerbholz hat.
Generationsdefinitionen sind bildungsbürgerliche Nabelschauen und deuten dabei weitaus mehr auf den Narzissmus ihrer Erfinder hin, als dass sie tatsächlich aus der Suche nach Identität und Gemeinschaft heraus geschehen. Bestes Beispiel sind die sogenannten – und selbst ernannten – 68er, die dieses Label auch erst so richtig in die öffentlichen Diskurse lancierten, als der Straßenkampf beendet war und sie sich in den Instituten und Redaktionen zu Tode langweilten.
Das 68er-Label ist wohl das elitärste unter den Generationsbeschreibungen. Das Umfassendste ist Florian Illies „Generation Golf“, da dieses Label zum einen hauptsächlich in der Kindheit wurzelt, also vor der Differenzierung in Bildungs- oder politische oder sonst welche Schichten. Zum anderen sind die Definitionskriterien der „Generation Golf“ fast ausschließlich materieller Art. Im nostalgischen Namedropping aus einer zudem damals noch relativ begrenzten Waren- und Medienlandschaft findet man sich schichtenübergreifend wieder.
Generationslabel sind problematisch, weil sie ein kollektives Lebensgefühl behaupten. Doch ein Lebensgefühl lässt sich schwer auf einzelne Phänomene oder gar Waren herunterbrechen. Oder in Reportagen transportieren. Dazu ist es viel zu diffus. Besser klappt das in Form von Musik. Und manchmal auch in Romanen.
Meine in dieser Hinsicht aktuelle Offenbarung: „Wir bleiben in der Nähe“ von Tilman Rammstedt. (Natürlich aus OWL, sogar aus Bieléfeld) Er bringt – ja, das behaupte ich jetzt mal: er bringt das absurde Lebensgefühl meiner Generation nicht auf den Punkt, was auch unpassend wäre, sondern in die richtige Verbform. Das lähmende Diktat der Selbstverwirklichung auf dem Markt der Möglichkeiten. Oder:
Man könnte sich ein Wohnmobil kaufen. Man könnte nach Skandinavien auswandern. Man könnte das 10-Finger-System lernen. Man könnte seinen Kleidungsstil radikal ändern. Man könnte noch ein Aufbaustudium machen. Man könnte mit Freunden ein Theater eröffnen. Man könnte ein virtuelles Kunstprojekt starten. Man könnte sich mal zurücklehnen. Man könnte für den Marathon trainieren. Man könnte ein Jahr lang wandern. Man könnte in eine Partei eintreten. Man könnte eine Partei gründen. Man könnte mal was anderes wählen als sonst. Man könnte bei einem Gewinnspiel mitmachen. Man könnte sich losmachen. Man könnte einen Roman schreiben. Man könnte sich einen Kanarienvogel anschaffen. Man könnte mal wieder einen Blog-Eintrag schreiben und zwar darüber, dass so manches nicht auf den Punkt zu bringen ist und dann 5 Wochen dafür brauchen um ihn trotzdem irgendwie zuende zu bringen.
zu dieser kritik kann ich als alter post-popper (der sich dieses sonderheft auch gekauft hat!) nur sagen: wenn’s nicht so wäre bzw. so ist, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass es auf jeden fall mit ziemlicher wahrscheinlichkeit eventuell so sein könnte. gegebenenfalls. aber jetzt bitte nicht hauen!
ein grieselkind